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Über die freien Schwingungen der künstlerischen Phantasie
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2006-01-01
Schweiz





über
die freien Schwingungen

der künstlerischen Phantasie


Prof. Josef
Gantner, Kunsthistoriker, Basel


Der Kunstfreund, der die Werke von Jürg Da
Vaz aufmerksam studiert, wird durch sie unweigerlich auf ein Phänomen
hingewiesen, welches zu den unverwechselbaren Eigentümlichkeiten des 20.
Jahrhunderts gehört: die Formen der abstrakten, d.h. von aller gegenständlichen
Assoziation losgelösten Kunst. Der Grundcharakter seiner Werke ist eindeutig
abstrakt, d.h. er resultiert aus dem Spiel der Phantasie, aus der Konzentration
auf diesen keinem Objekt verpflichteten schöpferischen Vorgang. Nicht
um die Darstellung irgend eines in der Welt existierenden oder vom Künstler
mit den Mitteln dieser Welt erdichteten Gegenstandes handelt es sich,
sondern um das freie Schweifen der künstlerischen Einbildungskraft in
den nur ihr eigenen Bezirken.


Dieser Vorgang, der um etwa 1910 in der Kunst
sichtbar wurde, der zweifellos auch mitbestimmend war für die "dekorativen"
Partien der damals neuen Architektur, der weiterhin nicht nur in Europa,
sondern auch in Amerika und Asien begeisterte Anhänger fand, hat wie jeder
grosse Vorgang in der Geschichte des Geistes, seine Wurzeln ganz tief
in der Vergangenheit. Der Historiker fühlt sich sogleich an Leonardo da
Vinci erinnert, der in seinen Aufzeichnungen gelegentlich davon spricht,
dass unser Auge dort, wo es ungehindert von der Realität frei schweifen
kann, nämlich im Traume, die Dinge dieser Welt richtiger sehe als im wachen
Zustand. Er hört aber auch vor allem über mehr als ein Jahrhundert hin
die Stimme Hegels ertönen mit der entscheidenden Aussage: "der ganze
Inhalt der Kunst" konzentriere sich auf "die Innerlichkeit des
Geistes, auf die Empfindung, die Vorstellung, das Gemüt".


In der Moderne ist der Grundgedanke am unmittelbarsten
von den Surrealisten ausgesprochen worden. Was André Breton 1924 im "Manifest
des Surrealismus" verlangte - ein "fonctionnement réel de la
pensée, en l`absence de tout contrôle exercé par la raison, en dehors
de toute préoccupation esthétique ou morale" - das gilt mit leichten
Variationen ebenso von der abstrakten Kunst, die in der zeitlichen Abfolge
der "Stile" unmittelbar auf den Surrealismus gefolgt ist.


In einer Ansprache bei Anlass einer Ausstellung
der Arbeiten von Da Vaz in der Galerie Stampa in Basel im Jahre 1969 hat
Adolf Portmann kürzlich auf das enorme Interesse hingewiesen, das von
den Naturwissenschaften diesem Vorgang der Abstrahierung entgegengebracht
wird. Dabei handelt es sich weniger um die ja oft besprochene Verwandtschaft
der Formen, die im Mikroskop sichtbar werden, als vielmehr um den geistigen
Vorgang - auch die Naturwissenschaften versucht, auf ihrem Wege, den Dingen
"auf den Grund zu kommen" und stösst dabei auf Gebilde, die
von den Objekten ihrer Untersuchung mehr und mehr abstrahiert sind. Und
auch bei ihr handelt es sich um das Resultat eines langen historischen
Prozesses, der nun im 20. Jahrhundert zu seinen alles durchdringenden
Auswirkungen gekommen ist. Gerade dieser Vergleich aber unterstreicht
die enorme Wichtigkeit der persönlichen Aussage des Künstlers, so wie
sie in den Arbeiten von Da Vaz vor uns liegt. Die naturwissenschaftliche
Analyse im Mikroskop kann nicht anders als unpersönlich sein; die künstlerische
Gestaltung aus der reinen Phantasie aber kann nur persönlich sein, so
wie es Da Vaz selber ausgesprochen hat. Diese Gebilde, die da vor uns
erscheinen, leben einzig und allein dank der künstlerischen Einbildungskraft
dessen, der sie geschaffen hat, und je stärker ihre Darstellung, umso
überzeugender die Gültigkeit ihrer Aussage auch für Andere. Dass im Laufe
der Arbeit sich eine Art Eigengesetzlichkeit ausbildet, wie Da Vaz sagt,
unterstreicht nur die Wichtigkeit dieser durch nichts Anderes zu ersetzenden
Arbeit der Phantasie.






Basel, im Februar 1975


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